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HändeFotoausstellung     Marxloh
Türkische ZuwanderInnen der ersten Generation und ihre Erinnerungen

Prof. Dr. Thomas Hoeren (Uni Münstzer) – Edzard Herlyn Duisburg –Marxloh
Eröffnung: Freitag, den 24. Juni 2011, um 17 Uhr
Geöffnet bis 9. Juli montags bis freitags von 11 bis 17 Uhr

Duisburg, 8. Mai 2011 - Am 30. Juni 1961 begann die Zuwanderung türkischer Arbeiter in Deutschland. An diesem Tag trafen 122 Bergbauarbeiter am Düsseldorfer Flughafen an. Sie stammten aus dem Kohle-Bergwerk Ereğli in der Provinz Zonguldak an der Schwarzmeer Küste. Aus mehr als 2000 Bewerbern wurden sie ausgewählt, um für die Hamborner Steinkohle AG zu arbeiten. In einem ähnlichen Zeitraum wurden 134 Arbeiter für den Bau der Uhrenfabrik Junghans in Schramberg (Baden-Württemberg) angeworben. Erst Monate später, am 30. Oktober 1961, wurde das Anwerbe-Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Man gab den türkischen Arbeitern eine Zeit von zwei Jahren, um in Deutschland zu arbeiten und dort Geld für die Rückkehr und eine bessere Zukunft in der Heimat zu verdienen. Damit war der Grundstock für eine über Jahrzehnte steigende deutsch-türkische Zusammenarbeit gelegt.
Lebten 1960 1503 türkische Staatsangehörige in der Bundesrepublik, sind es heute über 3 Millionen. Gerade im Bergbau fanden sie ausreichende Arbeitsplätze, gerade auch im Bergbau und in der Stahlproduktion. Damit war das Ruhrgebiet eine der besonderen Zentren für die Tätigkeit der neuen Arbeiter. Nicht vergessen sei, dass nicht nur Männer nach Deutschland kamen, sondern auch sehr früh weibliche Arbeiter. Männer und Frauen, Landbevölkerung und Facharbeiter aus den Städten kamen, um in der Fremde die Grundlage für eine gute materielle Existenz in der Türkei zu legen. Gerufen hatte man sie als Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.
Wir wollen mit unserer Fotoausstellung Spuren der ZuwanderInnen der ersten Generation bzw. der „ersten Stunde“ sammeln. Denn ihre Geschichte gerät in Vergessenheit. Zwar gibt es einige Publikationen, in denen versucht wird, die Geschichte der Einwanderung zu erzählen. Fotografisch ist diese Geschichte jedoch selten aufgearbeitet worden. Um so wichtiger ist es, 2011 im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums des Anwerber-Abkommens tätig zu werden.
Man hätte angesichts dieser Jubiläumssituation vieles fotografisch machen können. Man hätte die Gesichter der ersten Generation festhalten, ihre Lebenssituation bildlich fixieren können. Wir haben uns für etwas anderes entschieden, etwas scheinbar Abseitiges: Wir wollen die Hände der frühen Generation zeigen. Ausgangspunkt ist eine kurze Bemerkung in einem Beitrag von Sabine Riedel in der Lettre International vom Sommer 2010 über türkische Migranten in Rotterdam: „Man sollte, bevor man sich verabschiedet, die Hände der alten Männer betrachten, die ausgestreckt auf den weiß fundierten Tischen ruhen: Das sind schwere Hände, alt und erschöpft, Hände, die ihr Wissen über die Gesten der Feinmotorik verloren haben.“ Es „sind die müden Malocherhände der ersten Einwanderergeneration, solide Instrumente der Wertschöpfung für ein kleines Land, das sie rief in den Zeiten der Hochkonjunktur.“ Hände sind ein zutiefst persönliches Symbol, sie zeigen mehr, als man denkt. Sie sind Ausdruck dessen, wofür man die Migranten gerufen hat, Handarbeit, schwere Handarbeit, über Jahrzehnte hinweg, unter Tage und im heißen Stahlofen.
Und wir wollten noch mehr: Diese Hände sollten etwas halten, etwas ausdrücken. Sie sollten zeigen, woran die erste Generation hing, was sie aus der Türkei mitgebracht hat, was sie über viele Jahrzehnte mit sich herum geschleppt hat, um das Andenken an die Heimat nicht zu verlieren. Wir haben keine Vorgaben gemacht, keine Wunschlisten formuliert, ganz einfach darauf vertraut, dass Menschen ohne die Erinnerung an die Heimat nicht leben können. Und wir waren überwältigt von der Resonanz. Binnen kurzer Zeit gelang es, mehr als 30 Zeitzeugen der damaligen Zeit vor die Kamera zu bekommen. Alle Angst davor, ungewöhnlicherweise mit Händen fotografiert zu werden, legte sich schnell. In den Stadtteilbüros in Duisburg-Dichterviertel, Hamm und Ahlen sowie in der Moschee Hamm Ulu Camii entstanden bewegende Bilder, Flash Lights, Blitzlichtaufnahmen, die ohne Wertung die Beziehung von Erinnerungsobjekt und Händen herausarbeiten wollen.
Die Ausstellung soll anregen, nicht ganz einfach nur zu sehen, wer wer und was ist. Sie soll gerade auch deutsche Besucher dazu verführen, einmal selbst über das Gefühl der Fremde nachzudenken. Was würde geschehen, wenn wir in finanzieller Not oder auch nur wegen des Traums nach einem besseren Leben Deutschland verlassen würden (was derzeit gerade viele Deutsche tun). Was würden wir mitnehmen? Wie sähen unsere Hände nach 30, 40 oder 50 Jahren aus? Was würde uns bleiben in der Fremde, hin- und hergerissen zwischen den Kulturen und den gesellschaftlichen Erwartungen von Heimat und Fremde?
Die Ausstellung wird unterstützt von der REVAG, der Ruhrkohle AG und der EG DU Entwicklungsgesellschaft Duisburg mbH. Sie wird ab Oktober in verschiedenen Städten des Ruhrgebiets gezeigt.
Prof. Dr. Thomas Hoeren, geboren 1961 in Dinslaken, stammt aus einer Marxloher Familie. Er ist Leiter des Instituts für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht – Zivilrechtliche Abteilung – der Westfälische Wilhelms-Universität Münster. Daneben arbeitet er als Dozent an der Kunstakademie Münster.
Fotoausstellungen u.a.: Bahnhofstraße (Görlitz 2006 und Berlin 2010), Häfen (Island und Bremen 2012)

Edzard Herlyn, Jahrgang 1953, studierte Theologie, Musikwissenschaft und Kirchenmusik; er photographiert seit seiner Schulzeit in den Bereichen Landschaft, Architektur und Porträt. Ausstellungen u.a.: Ablichtungen (Münster 2000), Bahnhofstraße (Görlitz 2006 und Berlin 2010), Vanitas (Emden 2007), Landschaft Ostfriesland (2008)

(Marxloh)
Fatma Arslan (63 Jahre alt) kam1970 nach Duisburg. Sie arbeitet heute als ABM-Kraft für die Entwicklungsgesellschaft Duisburg. Aus ihrem anatolischen Zuhause hat sie – neben einem selbstgestrickten Tuch - eine Spindel mitgebracht, die für das Spinnen von Wolle wichtig war.

Kazım Arslan (69 Jahre alt) aus Elazığ kam 1969 nach Duisburg. Er arbeitete viele Jahre als Rangierer und Schweißer im Eisenbahnbereich von Thyssen Krupp. An seine ost-anatolische Heimat erinnert ihn die alte Laute, die er seit Kindertagen gespielt hat (sog. Cura).

Safiye Kahraman (74 Jahre alt) aus Erzincan kam 1978 nach Duisburg. Zehn Jahre lang arbeitete sie als Arbeiterin in einer Futterfabrik; weitere zehn Jahre arbeitete sie als Küchenhelferin. Die Tasche hat sie selbst in ihrem ostanatolischen Dorf gestrickt und bei ihrer Auswanderung nach Deutschland mitgenommen.

Yazgülü Karaman aus Tunceli (61 Jahre alt) kam 1974 nach Duisburg. Sie arbeitete lange Zeit in der Küche und ist heute bei der Stadt Duisburg tätig. Selbstgestrickt hat sie eine traditionelle Kopfbedeckung, die sie an ihre Jugend in Hochanatolien erinnert.

Gülüzar Yiğiter (64 Jahre alt) kam 1976 aus Denizli (Agäis) nach Duisburg. Sie arbeitete viele Jahre als Reinigungskraft. Die gelernte Friseurin hat ein Foto mitgebracht, auf dem sie links als junges Mädchen zu sehen ist. Rechts sieht man ihren Mann in Armeeuniform.

Rıza Altunbaş (68 Jahre alt) kam 1969 aus Divriği (Zentralanatolien) nach Duisburg. Er war lange Zeit als Rangierer im Eisenbahnbereich von Thyssen Krupp tätig. Von seinem Vater geerbt hat er einen Milchtrichter und eine Kelle. Beides stammt aus dem Jahr 1945 und wurde von seinem Vater mit einfachsten Mitteln hergestellt.

Melek Altunbaş (60 Jahre alt) aus Divriği kam 1971 nach Duisburg. Sie ist Hausfrau und hat als Erinnerung an ihre Familie und ihre Kindheit in der zentralanatolischen Heimat einen Wandteppich (Kilim) mitgebracht.

Hidayet Sürgit (55 Jahre alt) aus Rize am Schwarzen Meer kam 1971 als junges Mädchen nach Duisburg. Sie arbeitete in einer Obstfabrik und als Krankenpflegerin. Als sie die Türkei verließ, bekam sie von ihrer Schwester ein Geschenk, eine Schallplatte des türkischen Sängers Yıldız Tezcan: Gurbet yolu gariplerin yoludur - der Weg in die Fremde ist der Weg der Elenden.

Sevgi Teyhani (59 Jahre alt) aus Istanbul kam als junge Frau 1972 über Stuttgart nach Duisburg und arbeitete in einer Bäckerei. Als ihre Oma vor vielen Jahren krank war, fuhr sie kurz in die Türkei zurück. Die Oma schenkte ihr damals ein Bündel; darin befand sich das alte Paar Überzieher.

Dursun Murat (66 Jahre alt) aus Erzincan (Osttürkei) kam 1969 nach Duisburg. Murat arbeitete dort als Stahlarbeiter. Mitgebracht hat er eine Glocke sowie eine Schale. Die Schale erinnert an die Zeremonie, sich vor dem Essen die Hände zu reinigen. Die Glocke diente als Schutz zum Warmhalten von Speisen.

Zahide Murat (63 Jahre alt) aus Erzincan (Osttürkei) kam 1972 nach Duisburg. Die heute 63-jährige arbeitete als Arbeiterin in einer Metallfabrik. Mitgebracht hat sie Kupfergeschirr, das zum Reinigen der Hände genutzt wurde.

Cemile Aydoğdu (57 Jahre alt) kam aus Bingöl (Ostanatolien) 1973 nach Duisburg. Sie arbeitete als Dönerköchin. Sie hat ein altes Radio aus der Heimat mitgebracht, das türkische Sender spielte. Wichtig für sie war vor allem die Erinnerung an die Familie, die vor allem mit Freude Radio Eriwan hörte.

Günay Yıldız (62 Jahre alt) aus Ankara kam 1965 nach Duisburg. Sie arbeitete in der Konfektionsabteilung einer Schokoladenfabrik. Sie hat ein Bild aus der Heimat mitgebracht, nämlich ein Bild ihres Mannes in der Türkei. Auf der Rückseite befindet sich eine Zeichnung des Sohnes, der den geliebten Vater durchgepaust hat.

Meliha Görmen (63 Jahre alt) aus Amasya (Schwarzmeerküste) kam 1973 nach Duisburg. Sie arbeitete als Reinigungskraft zum Beispiel am Flughäfen oder bei der Bayer AG. Sie hat eine alte Schale mitgebracht.

Arif Görmen (69 Jahre alt) aus Amasya (Schwarzmeerregion) kam 1970 nach Duisburg-Walsum. Er arbeitete als Bergmann im Schacht Walsum. Mitgebracht hat er seinen alten Pass (1973) sowie seinen Personalausweis (aus dem Jahr 1976), die man immer mit sich herumtragen musste.

Gülüzar Boğuş (56 Jahre alt) aus Erzincan (Ostanatolien) kam 1972 nach Duisburg. Sie hat eine 50 Jahre alte Decke aus der Türkei mitgebracht, die sie in der Schulzeit selbst erstellt hat.


(Ahlen)
Recep Çelikoğlu (61 Jahre alt) aus İnebolu (Schwarzes Meer) kam 1964 nach Deutschland. Er arbeitete in Castrop-Rauxel und Dortmund, vor allem bei der Zeche Westfalen in Ahlen als Bergmann. Er hat nichts aus der Heimat behalten, alles weggeworfen. Er kam mit leeren Händen, getreu seinem Lebensmotto: Schaue immer nur nach vorne.

Halit Çelebi (63 Jahre alt) stammt aus Erzurum in Ostanatolien. Er kam 1965 - mit 16 Jahren -nach Deutschland. Er arbeitete in Duisburg-Walsum in der Zeche Walsum, später auf der Zeche Westfalen. Vom Berglehrling arbeitete er sich zum Diplom-Ingenieur hoch. Das Foto zeigt ihn als jungen Mann in der Türkei.

Aydın Gümüştaş (66 Jahre alt) stammt aus Trabzon am Schwarzen Meer. Nach seiner Ankunft 1973 arbeitete er zunächst in Aachen und später in Ahlen. Das mitgebrachte Foto zeigt ihn mit seinem Freund am Schwarzen Meer; sein Freund wurde später durch einen Unfall erschossen.

Mehmet Aygün (68 Jahre alt) stammt aus Zonguldak (Schwarzmeerküste). Er kam1970 nach Ahlen, wo er als Bergmann arbeitete. Aus der Heimat blieb ihm nicht viel, vor allem aber sein alter Pass.

Hüseyin Karakuş (67 Jahre alt) kommt aus Zonguldak ((Schwarzmeerküste). Zunächst kam er 1968 nach London, um dort in der Gastronomie zu arbeiten. Dann ging er in die Türkei zurück, um 1970 noch einmal zu kommen, diesmal nach Ahlen als Bergmann. Seine Ausweispapiere aus der Grundschulzeit waren wichtig, um einen Führerschein oder eine Arbeitserlaubnis zu bekommen.

Ceyettin Yaman (63 Jahre alt) aus Zonguldak (Schwarzmeerküste) kam 1971 nach Deutschland. Er arbeitete in Ahlen als Bergmann. Das Foto zeigt ihn und seine junge Frau in der Türkei, auf dem Hintergrund einer Fototapete der damaligen Zeit und kurz vor seiner Abreise nach Deutschland.

(Hamm)
Yüksel Ünlü (70 Jahre alt) stammt aus Devrek -Zonguldak. Er kam 1964 nach Hamm. Dort arbeitete er als Elektriker im Bergwerk Heinrich Robert. Er hat ein Tespih (Gebetskette) aus der Türkei mitgebracht.

Yusuf Yavuz (65 Jahre alt) aus Bartın/Zonguldak arbeitete in der Türkei als Krankenpfleger. Er kam 1970 nach Hamm (Kokerei Radbod) und wurde zum Laborant ausgebildet. Seine Fotos zeigen ihn als Krankenpfleger in Uniform und beim Militär; ein Dankesfoto gilt seiner Pflege zweier kranker Kinder.

Salih Kartal (69 Jahre alt) stammt aus Amasya bei Samsun (Schwarzes Meer). Er kam 1969 mit 25 Jahren zur Zeche Werne als Bergmann. Als frommer Mensch hat er einen Koran aus der Heimat mitgebracht.

Selahattin Yıldırım (62 Jahre alt) kommt aus Kütahya bei Marmaris. Er kam1971 nach Deutschland und arbeitete auf der Zeche Heinrich-Robert in Hamm als Schlosser unter Tage. Er brachte ein Jugendfoto seiner Frau mit, die zuhause auf ihn wartete.

Mehmet Ali Aksoy (73 Jahre alt) stammt aus Ulus/Bartın am Schwarzen Meer. Er kam 1969 nach Deutschland und arbeitete in der Zeche Werne als Bergmann. Mitgebracht hat er seinen alten Gebetsteppich, auf dem er fünfmal am Tag beten in Richtung Mekka betet.

Hatice Yıldırım (53 Jahre alt) stammt aus Kütahya. Sie kam 1977 nach Deutschland. Sie war als Hausfrau u.a. für die Erziehung ihrer zwei Söhne tätig. Mitgebracht hat sie ihre die Korantasche, die sie als junges Mädchen in der Türkei selbst gehäkelt hat.
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(Hamm Moschee)

Nuri Sefer (66 Jahre alt) kommt aus Çaycuma - Zonguldak (Schwarzmeerküste). Er kam 1970 nach Deutschland. Er arbeitete in Hamm bei der Zeche Heinrich Robert als Hauer. Er hat einen Gebetsteller mitgebracht, der typischerweise an der Wand an den Islam erinnert.

Mehmet Taş (61 Jahre alt) stammt aus Kayseri (Kappadokien). Er kam 1973 nach Deutschland und arbeitete in der Textilindustrie. Mitgebracht hat er eine türkische Fahne als Symbol seines Landes.


Mehmet Yılmaz (61 Jahre alt) stammt aus Uşak. Er kam 1973 nach Hamm und arbeitete dort in der Heinrich Robert Zeche als Bergmann. Er hat seinen alten Zechen-Arbeitsvertrag mitgebracht, der ihm die Einreise nach Deutschland ermöglichte.

Halil Batak (67 Jahre alt) aus Zonguldak (Schwarzmeerküste) kam 1971 nach Deutschland. Er arbeitete auf der Zeche Königsborn als Bergmann. Er hat seinen alten Gebetsteppich mitgebracht.
Adem Güngör (64 Jahre alt) stammt aus Esgi Cuma/Targovishte (Bulgarien), wo heute noch eine türkische Minderheit ansässig ist. Er kam 1973 nach Deutschland und arbeitete im Bergwerk Heinrich-Robert in Hamm als Bergmann. Sein Teeglas erinnert ihn an die Ruhe und Gemütlichkeit der Heimat.