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Wenn einer eine Reise tut: Vom Ruhrpott an die Ostsee
Abenteuer A1 – die Bau- und Staustelle der Nation

Jochem Knörzer

Kellenhusen, 20. August 2011 – Es ist Samstagmorgen, gegen 10 Uhr. Das ‚Bergfest‘ haben die Sommerferien im schönen Nordrhein-Westfalen schon hinter sich, von sechs Wochen sind nur noch zwei übrig.
Das ‚Navi‘ ist auf das Ziel ‚Kellenhusen an der Ostsee‘ eingestellt und zeigt eine Fahrtstrecke von 492 Kilometer und prognostiziert eine Fahrtzeit von vier Stunden und 15 Minuten.
Wie gesagt, es ist ein fast normaler Samstag, nicht Ferienbeginn, auch nicht der „Bettenwechsel“ zur Hälfte der Ferien.
Der 'Travel-Trolli', die Reisetaschen und der Kosmetikkoffer sind verstaut.
Da schießt die erste Frage des Tages durch den Kopf: 'Warum packen Frauen für sich und die Kinder für eine Woche Urlaub immer so viel ein?' Ein Mann könnte damit auswandern.
Der Tank ist randvoll, die ‚beste Ehefrau von allen‘ ist gerade eingestiegen, die fünfjährige Enkelin sitzt sorgsam, mitsamt Kindersitz, angeschnallt auf dem Rücksitz – es geht los.
Die Autobahnauffahrt ist noch nicht erreicht, da kommt von hinten die Frage: „Opi, wie lange fahren wir?“
„Weißt du, Duisburg liegt am Rhein, wir aber wollen an die Ostsee. Das ist eine lange Fahrt. Oder willst du nicht an die See?“
Die Antwort ist Stille.

In Duisburg-City auf die A40, am ‚Spagetti-Knoten Kaiserberg‘ auf die A2 Richtung Hannover – es fluppt wie geschmiert.

Vor einer Woche sah das noch anders aus, ganz anders.
Die Anreise zur Hochzeit eines Freundes nach Arnsberg drohte bereits in Duisburg zu scheitern. Der Autobahn-Knotenpunkt Kaiserberg war dicht. Ursache war, neben einem ‚normalen‘ Blechschaden, die Sperrung der A2 im Bereich Oberhausen wegen Brückenbauarbeiten.
Kein Problem, ich kenne ja die Schleichwege. Die anderen oder auch die ‚Navis‘ der anderen leider auch. Ich habe 32 geschlagene Kilometer quer durch Duisburg und Oberhausen im ‚Stop and Go‘ hinter mich bringen müssen, um wieder eine freie Autobahn in Richtung Arnsberg zu erreichen.

Wie gesagt, diesmal läuft es rund, Duisburg verblasst im Eiltempo.
Erst nach knapp 150 Kilometer, ohne Zwischenstopp, wird es erst ‚zähflüssig‘, dann sehe ich die stehende ‚Blechlawine‘ vor mir. Das ‚Navi‘ schlägt ein paar Kilometer Landstraße vor. Ich folge seinem Vorschlag und erwische die Ausfahrt noch auf den letzten rollenden Metern.
Trifft sich eigentlich ganz.
So ohne Frühstück und nur mit einem Liter Kaffee statt den üblichen zwei, kommt ein Imbiss ganz gelegen. Das gelbe M auf rotem Grund kennt auch meine Enkelin schon aus dem ‚Effeff‘ und so gibt es zum verspäteten Frühstück eben Burger zum Kaffee.

Frisch gestärkt geht es weiter, schön den Autobahnstau auf der Landstraße umfahrend. Die Ankunftszeit hat sich mittlerweile um eine gute Stunde auf 15:40 Uhr nach hinten verschoben.
Knapp fünfeinhalb Stunden Fahrt sind immer noch akzeptabel.

Zurück auf der Autobahn stelle ich fest, dass wir Deutschen die ‚Hollandse Fitzers‘ längst eingeholt, wenn nicht sogar überholt haben. Es scheint mittlerweile zum ‚guten Bild‘ zu gehören, dass man sich ein Rohrgestänge hinter die Heckstoßstange schraubt und mindestens zwei Fahrräder darauf transportiert.
„Back to the nature“ – und das möglichst schnell mit dem Auto.
Besonders eilig scheint es damit ein Audi vor mir zu haben. Die beiden Fahrräder auf dem Gestänge hinter der Stoßstange haben den rechten Winkel längst hinter sich, eine gewisse Neigung Richtung Asphalt ist nicht abzusprechen. Während ich mir Gedanken mache, welchen Abstand ich wählen soll, damit, im Fall der Fälle, die herabstürzenden Fahrräder nach dem ersten Auftippen auf der Straße über mein Auto springen – man hat ja schließlich „The Fast and Furious“ geschaut -, gibt der Fahrer vor mir Gas. Der gut motorisierte und schwere Audi schießt nach vorne, schwankt dabei aber auf der Hinterachse bedenklich abwechselnd nach rechts und links. Bei Tempo 160 hat er endlich ein Einsehen, wechselt von der linken auf die mittlere Spur und nimmt auch den Gasfuß wieder zurück.
Ich sehe zu, dass ich ihn schnell hinter mir lasse.

Apropos Spur.
Unter vier Spuren auf den Autobahnen geht ja gar nichts. Da für viele Pkw-Fahrer die rechte Spur anscheinend Tabu ist, sollte diese ab sofort nur noch für Lkws reserviert sein.
Die zweite Spur, direkt links daneben, sollte für die, mit fünf Stundenkilometer ‚Überschuss‘, überholenden Lkw-Kollegen frei gehalten werden. Und für Pkws, die aus Prinzip nicht schneller als mit Tempo 100 bewegt werden.
Spur Nummer drei wäre dann das Paradies für die, die sich schlicht fließend im fließenden Verkehr bewegen wollen.
Und die ganz linke Spur würde dann den (über)motorisierten Joghurt-Bechern auf zwei Rädern und den anderen ‚Tieffliegern‘ gehören.

Die Realität sieht anders aus.
Die linke Spur ist magnetisch. Sobald man in 1.000 Meter Entfernung ein Fahrzeug auf der gleichen Spur erspäht hat, wechselt man automatisch auf die linke Spur. Auch, wenn man nur ein paar Geschwindigkeitskilometer schneller ist und der „Überholvorgang“ in Zeitlupe abläuft. Eine Kopie der sogenannten „Brummi-Rennen“.

Ich quäle mich von Baustelle zu Baustelle. Freue mich, dass die dreispurige Autobahn nach jeder zweispurigen Baustelle vor mir einen richtig freien Eindruck macht.

Und wundere mich über die Schilder mit dem roten Rand und der schwarzen 100 auf weißem Grund.
Welches Städtchen oder Ländchen versucht denn da wieder sein leeres Säckel zu füllen?

Endlich. Die Autobahn vor mir ist frei, die Schilder mit dem roten Rand sind weißen Schildern mit Schrägstreifen gewichen. Kellenhusen, wir kommen!

Pustekuchen.
An der nächsten Ausfahrt soll ich die Autobahn verlassen, sagt das ‚Navi‘. Ich wanke, folge der Anweisung dann doch. Ich habe ihn, den ‚Navi‘, schon einmal auf dieser Fahrt ignoriert und die Folgen, Stau, tragen müssen.

'Tötensen' steht auf dem Richtungsschild.
‚Tötensen‘?
Wieso ‚Tötensen‘?
Wir wollen nach Kellenhusen, nicht zum Dieter Bohlen!

Unser ‚Navi‘ schleust uns an einem Stau vorbei und wieder auf die A1. ‚Guter Junge!‘

Bis kurz vor Hamburg liegen wir gut in der Zeit. Und das ist auch gut so, schließlich bringen wir ein Bahnticket mit, für zwei Abreisende, die gegen 19 Uhr von der Ostsee gen Duisburg fahren wollen.

Und dann ist es einfach vorbei.
Die A1 steht. Glaubt man dem ‚Navi‘ und den Verkehrsnachrichten, sind die Autobahnen bis Lübeck ein einziger Parkplatz.
Bis zur nächsten Ausfahrt sind es gerade mal 7,6 Kilometer. Die schaffe ich locker in dreißig Minuten …
Zwischendurch meldet sich die Stimme von der Rückbank: „Omi, ich muss mal Pippi.“
‚Die beste Ehefrau von allen‘: „Das geht jetzt nicht, auf der Autobahn können wir nicht halten. Wir fahren gleich auf einen Rastplatz. So lange musst du noch einhalten.“

Die Gedanken schießen wild durch meinen Kopf.
‚Autobahn – nicht anhalten? Wir stehen. Rastplatz? Was für ein Rastplatz?‘
Ich behalte meine Gedanken für mich, erreiche die Ausfahrt, stelle das ‚Navi‘ auf ‚Autobahnen meiden‘ ein, pirsche mich durch Hamburg und fahre die nächste Tankstelle an.
Meine Frau und meine Enkelin haben das ‚Problem Pippi‘ schon verdrängt, ich nicht!
Zur Belohnung gibt es für meinen kleinen Schatz ‚Bonbons‘.

Das Ziel ‚Kellenhusen‘ ist in weite Ferne gerückt. Genau so wie die vermutliche Ankunftszeit – 19 Uhr soundso viel erscheint auf der Anzeige.
Und das Ticket? Handys laufen heiß, Finger beim ‚Simsen‘ (SMS-Schreiben) auch.
Gut, dass es noch Fax-Geräte gibt. Das Bahnticket gelangt so binnen Sekunden von Duisburg nach Kellenhusen, der pünktlichen Bahnrückfahrt steht nichts mehr im Wege.

Und so geht es weiter über die Landstraßen und wir entfernen uns weiter von den blech-verstopften Autobahnen.
‚Bad Segeberg‘ steht auf dem Richtungsschild.
‚Bad Segeberg‘- ‚Karl-May-Festspiele‘.
‚Hier liegt das also‘.
Allgemeinbildung durch Landstraßen-Flucht.

Nach knapp achtstündiger Fahrtzeit, 38 Kilometer vor Kellenhusen dürfen wir dann noch 25 Kilometer lang eine freie A1 nutzen und genießen, erreichen wir unser Ziel, Kellenhusen an der Ostsee.

Mein besonderer Dank und Respekt gilt meiner fünfjährigen Enkelin Laura, die während der ganzen Reise nicht genervt und gequengelt, lediglich nach sieben Stunden einmal nachgefragt hat: „Opi, wie lange fahren wir noch?“ und sich mit meiner Antwort: „Eine Stunde“ bis zur endgültigen Ankunft zufrieden gegeben hat!

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