Stephans Kult-pur Der Kult-Attaché
BZ-Sitemap     •  BZ-Kultur aktuell
 

21. Rage against Racism-Festival am 5. + 6. Juni 2026 in Rheinhausen
Stephan Sadowski

Duisburg, 9. Juni 2026 - Derbes Deutschpunk-Image kombiniert mit längst vergessenem, vielleicht schon überdauertem Ruhrpottcharme, quasi Tegtmeier 4.0, nur eben viel vulgärer: dafür steht die Duisburger Formation "Eisenpimmel", die sich 1994 gründete. Vielleicht ist es nur der Name, der die Musiker in der Punk-Szene ins Gespräch bringt, vielleicht steckt aber auch mehr dahinter. Jedenfalls spielten Eisenpimmel am Wochenende als Headliner auf dem Rage-against-Racism-Festival an der Friemersheimer Mühle vor etwa 2000 Metalfans. Wir versuchten, das Phänomen einzuordnen und sprachen mit dem Veranstalter, den Musikern und Zuschauern. Festivalleiter Levent Tomicki jedenfalls ist voller Freude auch mal eine richtige Punkband im Line-Up zu haben.

„Wir mixen ja hier die Stile gerade in puncto Gitarrenmusik und  haben da schon einiges im Programm gehabt. Gerade bei Eisenpimmel, war es besonders der Wunsch der vielen Freiwilligen, die dieses Festival möglich machen, die Band einmal zu buchen. Das haben wir nach über 20 Jahren jetzt endlich mal geschafft – und hoffen auf éine große Party.“

Die Band Eisenpimmel spielte in folgender Formation beim Rage-against-Racism-Festival in Duisburg-Friemersheim, wobei die Akteure nur unter Künstlernamen geführt werden: Bärbel Rotzky: Gesang - Siggi Katlewski: Gesang - Wolle Pannek: Gitarre - Ey: Gitarre in Vertretung für Mütze - Karl Arsch: Bass - Bobo: Schlagzeug
 
Bobo, der Schlagzeuger der Band, sieht eine Verbindung unter den Gitarrenmusikern auf dem Festival: "Warum sollte das ein Problem sein, als Punker hier zu spielen? Metaller und Punks sind doch von Natur aus united."
Auf die Frage, ob die oft nicht jugendfreien Texte, die teilweise derbe Anspielungen auf Sexualpraktiken in Titeln wie "Komma lecker unten bei mich bei" enthalten, in Zeiten von MeToo noch akzeptabel sind, antwortet Bobo: "MeToo gab es für uns schon immer, ist also keine neuzeitliche Erfindung aus den 2000ern. Und wenn jemand unsere Texte anstößig findet, soll er oder sie sie vielleicht mal lesen." Doch wann geht die Band mal wieder auf Clubtour, wie sie es früher tat?
"So was machen wir nicht mehr, wir sind ja dauernd unterwegs, wir spielen eigentlich nur noch Festivals, Stadien und Open-Airs."

Als die Musiker von Eisenpimmel auf die Bühne springen, ist es quasi so, als ließe sich die gesamte Familie Flodder aus den 80er-Jahren ausgelassen gehen zu punkiger Musik – das Bild, das die Gruppe abgibt, ähnelt dabei der 70er-Jahre-Fernseh-Klamauk-Satire „Klimbim“ . Mit noch vollem Pilsbecher springt die Sängerin Bärbel Rotzky, die sich eine ausgefranste bunte Federboa um den Hals hängt, auf die Bühne und ihr Mitstreiter am Mikro, Siggi Katlewski folgt.
"Wir sind keine Satireband, wir sind `ne Politband, wir haben mitgekriegt, dass Kohl nich' mehr Kanzler ist", erklärt Katlewski der Menge. Die beiden Frontleute wirbeln über die Bretter und verschütten das gute Gerstenbräu dabei. Gitarrentechnisch bleibt der Sound im überschaubaren Drei-bis-Vier-Akkorde-Schrammelpunk-Segment hängen, mal schimmert ein versiertes Reggae-Riff durch.
Dennoch: Die Begeisterung geht über auf das Publikum bei Titeln wie "Füße hoch-Fernsehen an-Arschlecken" oder "Frauen, die Bier trinken", und das Konzert wird eine große Karaokeparty. Beim Song  "Fotzenbimmelbahn" bildet sich nach dem Regen eine lange Polonaise durch das Publikum, bei der die Menge lauthals mit grölt. Doch irgendwie bleibt die Frage hängen, ob die Liedtexte nicht als frauenfeindlich verstanden werden können.

Andrea S. (Name der Red. bekannt) wird es allmählich zu viel, sie will das Event verlassen: "Man kann mich humorlos nennen, aber Frauen sind zu oft Opfer von unter dem Deckmantel der Ironie präsentierten Dingen. Mag sein, dass das lustig gemeint ist, aber wenn man das singt, muss man als Band davon ausgehen, dass die Ironie auch jedermann versteht und das wage ich zu bezweifeln", sagt Besucherin Andrea. Selbst habe sie schon einige Übergriffe von Männern in ausgelassener Stimmung erlebt. "Außerdem finde ich das Ruhrpott-Malocher-Image, was die Band abgibt, längst überholt."

Barbara Giorri aus Friemersheim ist jedes Jahr beim Festival und sagt: "Für mich ist das ok, was die singen, ist ja bloß Satire!"
Janos Romualdo Krusenbaum, selbst Musiker bei „Blossom Cult“ aus Essen, ordnet den Auftritt so ein: "Das ist ja auch Katharsis für die Leute, ich mag, dass die Band so ungezwungen in ihren Texten ist. Die Leute wollen nicht alles immer nur kritisch überdenken."

Derweil die Party ihren Lauf nimmt, gut gemachte Cover von AC/DC-Hits wie „Whole Lotta Rosie“ folgen. Musik-Fachmann Dirk „Conny“ Koniecpolski sagt dazu: "Bei Eisenpimmel kann man gut Ruhrdeutsch für Anfänger lernen. Ich hätte dennoch gern Crypta aus Brasilien als Headliner für den Samstag gehabt oder Darkness aus Essen, die waren die besten auf diesem Festival!"

Wie sehen Eisenpimmel ihre musikalische Entwicklung in den mehr als 30 Jahren? Bobo: "Wir sehen sie nicht, wir hören sie."