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Wandel in der Trinkhalle: Was Duisburger heute am Büdchen
kaufen Duisburg, 2014 - Sie waren schon in den
1950er Jahren sozusagen lebensnotwendig, die Buden, Büdchen,
Kioske oder Trinkhallen - und das im gesamten Ruhrpott.
Rückblick Das mit dem
"lebensnotwendig" hatte damals schon eine ganz konkrete
Bedeutung. Immerhin schlossen die Nahversorgungsläden wie
Konsum, Columbia Markt oder auch die später
"Tante-Emma-Laden" genannten kleineren Geschäfte, die meist
von Hausinhabern geführt wurden, schon sehr früh
(Ladenöffnunsgzeiten). Die Tante-Emma-Läden waren so etwas
wie etwas größere "Kaufmannsläden". Da gab es Säcke mit
Mehl, Zucker, Körner undsoweiter. Unbedingt waren die
kleinen Schublädchen zu erwähnen, da aus ihnen über die
Waage alles ausgewogen wurde, was die Hausfrau damals so
brauchte.
Zur Not gab es auch den mobilen Milchmann
mit seinem "Ausschankbottich" - auch Milchzapfstelle
genannt. Meist fuhren diese Milchmänner im Tempo-Dreirad
(Zweitakter) durch die Stadtteile. Mit einer Kanne bewaffnet
wurde man von der Mutter zum Auto geschickt. Dort wurde
einem für einen, zwei oder drei Groschen Milch in die Kanne
gezapft. Am Freitag boten diese fliegenden Händler auch
Fisch an...
Aber was war an Werktagen zwischen 13:00
Uhr und 15:00 und vor allem nach 18:30 Uhr? Das waren
Zeiten, an denen die Läden geschlossen hatten. Richtig, ab
18:30 werktags und 13:00 Uhr am Samstag lief nichts mehr, am
Sonntag natürlich gar nichts. Auch deshalb war eine gute
Nachbarschaft damals sehr viel wert, da man von der
Nachbarin das fehlende Gewürz, Brot oder gar Kaffe ausborgen
konnte. Da waren die Büdchen oft genug für spezielle
Sachen Retter in der Not. Es gab übrigens für den ganz
schmalen Geldbeutel die Schachtel mit "Liga" mit vier
Zigaretten Inhalt für drei Groschen. Aber neben den
Angeboten für Raucher und durstigen Zeitgenossen gab es
reichlich bunte und vor allem süße Dinge für Kinder. Die
"gemischten Tüten" für ein paar Groschen waren der Hit. Wer
damals Silberlinge oder Knöterichbonbons (zwei für einen
Pfennig) oder Eis am Stil haben wollte, der war hier auch
genau richtig. Und das nach 18:30 Uhr und auch am Sonntag.
Später gab es sonntags Sport- oder andere Zeitungen (mit
Bildern) - nein, nicht nur die BILD sondern Bravo!.
Dies Buden waren aber den großen Werken Duisburg mehr als
nur "an`ne Bude". Das waren besondere Treffs oder
Abholstellen. So bei Thyssen, Phoenix oder die legendären
Buden am Mannesmann-Tor oder an der Kupferhütte. "Ist der
Heinz schon durch?" Eine atemlose Frau brachte das mehr im
Befehls- als im Frageton gegenüber den Bier trinkenden
Männern an der Kupferhüttenbude vor. Dies geschah immer
dann, wenn nach der Frühschicht auch der Lohn per Tüte
ausgezahlt wurde - was später nicht mehr der Fall war. Unser
Spezi aus Hochfeld hatte die unangenehme Eigenschaft, mit
der da noch prallen Lohntüte gern in eine der umliegenden
Kneipen oder auch an der Bude etwas zu verbraten.
Egal wann man an solche Buden kam - es war immer etwas los,
man hörte den neuesten Klatsch und Tratsch, aber auch
Wohnungen, Fahrräder, Mopeds oder später Autos wechselten
beim Bier hier schon mal den Besitzer.
Schon in den
1950er Jahren waren die Buden Treffs der Fußballfans vom DSV
1900 oder dem DFV 08, Hamborn 07 undsoweiter. Ab 1963 waren
diese Buden Treffs der Fans des Meidericher SV - ab 1956 MSV
Duisburg. Meistens vor dem Spiel, da man gern nach dem Spiel
in eine nah gelegene Kneipe oder nach Hause wetzte, um die
schwarz-weißen Bilder vom Spiel sehen und Ernst Huberty
hören zu können. "Die mit den weißen Stutzen und den
Querstreifen sind die Meidericher, die mit den dunklen
Brustring auf dem Trikot die Schwaben", hieß es dann. In den
ersten Jahren dieser schwarz-weißen Bilder begannen die
Spiel in den Wintermonaten am Samstag schon um 14:30 Uhr, da
es noch nicht überall Flutlichtanlagen gab.
Für mich
waren Besuche bei Tante Martha in Bochum - die Anreise
erfolgte übrigens mit einem Renault Dauphine - immer der
absolute Hit. Tante Martha betrieb ein Büdchen. Du meine
Güte, was war das für ein Gefühl die Kostbarkeiten von innen
betrachten und zum Teil auch vernaschen zu dürfen.

Kiosk Ludgeriplatz
Immer wenn ich nach Süddeutschland
kam und die Gespräche auf die Buden kamen, gab es damals
viel baffe Gesichter. "Was habst` da droben! Büdchen?
Des kennen mer net!" Nach vielen ausschweifenden Erklärungen
war man später in der Runde der als stur geltende und
grantelnde Bayer durchaus der Meinung, dass das mit den
Buden im Pott gar keine schlechte Sache sei.

Kiosk Oststrasse
Heute "Opa,
kaufst du mir eine gemischte Tüte?" Das ist also heute auch
noch aktuell. Die Dame im Büdchen schmunzelt: "Wie
immer?" lautet die Frage an das kleine Mädchen. Opa ist
überrascht. "Kommst Du denn öfter hier an die Trinkhalle?"
"Na klar Opa", kam es belehrend zurück.
Kinder
und Buden - das ist es also immer noch, aber mit vielen
Änderungen. Heute liegen Heftchen mit Mangas oder kleine
Figuren aus. Die Konkurrenz der Discounter und die langen
Öffnungszeiten machen aus den Buden so etwas wie
nostalgische Orte, eine schon fast museale Art des
Ruhrgebiets.

Kiosk Bismarckstrasse

Kiosk Kammerstraße

Kiosk Grabenstraße

Neudorfer Strasse

Kiosk Sternbuschweg

Kiosk Grabenstraße / Geibelstraße
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